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Blinde Flecken im Team: Selbstbild und Fremdbild

Selbst- und Fremdurteil zu den Big Five weichen voneinander ab, am stärksten beim Neurotizismus. Wo diese Lücken entstehen und was sie im Team anrichten.

Miquel Matoses·7 Min. Lesezeit

Blinde Flecken in Teams: was die Persönlichkeitsforschung zeigt

Jedes Teammitglied trägt ein Modell davon mit sich herum, wie die Kolleginnen und Kollegen arbeiten, was sie antreibt und wie sie unter Druck vermutlich reagieren. Diese Modelle steuern die Abstimmung im Alltag: Wem Sie hohe Disziplin zuschreiben, dem geben Sie anders Feedback als jemandem, den Sie für wenig diszipliniert halten. Wen Sie für emotional belastbar halten, den binden Sie anders in eine Eskalation ein als jemanden, den Sie für leicht reizbar halten.

Das Problem: Diese Modelle liegen häufig daneben. Und die Fehler streuen nicht zufällig, sie sind systematisch und lassen sich aus dem vorhersagen, was die Persönlichkeitsforschung über die Beobachtbarkeit einzelner Eigenschaften herausgefunden hat.

Die Lücke zwischen Selbstbild und Fremdbild

r = 0,18
durchschnittliche Übereinstimmung von Selbst- und Fremdurteil
65%
der Menschen überschätzen ihre eigene Gewissenhaftigkeit
Neuroticism
Dimension mit der größten Selbst-Fremd-Lücke

Studien kommen immer wieder zum selben Ergebnis: Selbst- und Fremdurteile auf den Big Five korrelieren nur mit r = 0,40 bis 0,60. Das ist eine mittlere Übereinstimmung, hoch genug, um darauf zu schließen, dass beide Seiten dasselbe Konstrukt erfassen, und niedrig genug, dass bedeutsame Abweichungen an der Tagesordnung sind.

Die Lücken verteilen sich nicht gleichmäßig über die Dimensionen. Wo eine Eigenschaft gut zu beobachten ist, stimmen Selbst- und Fremdbild stärker überein:

  • Präsenz (Extraversion): sichtbar, verhaltensnah, leicht zu beobachten. Wer viel spricht, den Kontakt sucht und Gesprächspausen füllt, tut das vor aller Augen. Hier ist die Übereinstimmung am höchsten.
  • Disziplin (Conscientiousness): teilweise beobachtbar über Arbeitsergebnisse und eingehaltene Fristen, während die inneren Maßstäbe und der tatsächliche Aufwand verborgen bleiben. Mittlere Übereinstimmung.

Wo eine Eigenschaft sich der Beobachtung entzieht, fällt die Übereinstimmung am schwächsten aus:

  • Tiefe (Neuroticism): Emotionale Reaktivität spielt sich im Inneren ab. Wer stark unter Anspannung steht, kann nach außen völlig ruhig wirken. Hier ist die Übereinstimmung am niedrigsten, typischerweise r = 0,20 bis 0,40.
  • Bindung (Agreeableness): ein echter Mischfall. Kooperatives Verhalten ist sichtbar, sein Motiv nicht: Ob echte Anteilnahme dahintersteckt oder die Scheu vor Konflikten, lässt sich von außen kaum unterscheiden.
  • Vision (Openness): Intellektuelle Neugier und schöpferisches Denken bleiben in operativen Rollen oft unsichtbar. Wer sich selbst für einen kreativen Kopf hält, wird von den Kolleginnen und Kollegen nicht zwangsläufig so gesehen.

Hofstee et al. (1992) haben dieses Muster systematisch belegt: „Manche Persönlichkeitsdimensionen sind für Außenstehende schlicht sichtbarer als andere.“ Das ist keine rein akademische Feststellung, sie hat unmittelbare Folgen dafür, wie Teams sich abstimmen.

Selbst-Fremd-Übereinstimmung in Big-Five-Erhebungen geht der Frage nach, wo diese Lücken am größten sind und was das für die Arbeit im Team bedeutet.

Warum blinde Flecken zu Abstimmungsfehlern führen

Teams koordinieren sich über stillschweigende Annahmen darüber, was die anderen können und wie sie reagieren. Stützen sich diese Annahmen auf die Selbstwahrnehmung statt auf das, was die Kolleginnen und Kollegen beobachten, sind sie oft systematisch falsch geeicht.

Ein häufiger Fall: Jemand mit hoher Tiefe (Neuroticism) steht innerlich stark unter Druck, wirkt nach außen aber gefasst und unbeeindruckt. Das Team hält die Person für belastbar und gibt ihr die Aufgaben mit dem höchsten Druck, ohne für Entlastung zu sorgen. Das innere Erleben und das Bild, das sich das Team davon macht, driften auseinander, und die Lücke wächst so lange weiter, bis sie in einem sichtbaren Zusammenbruch endet.

Persönlichkeit und Burnout-Risiko zeigt, wie genau daraus ein Burnout entsteht: aus der Lücke zwischen zugeschriebener Belastbarkeit und tatsächlichem Innenleben, über längere Zeit und unter hohen Anforderungen.

Der umgekehrte Fall kommt genauso vor: Wer sich selbst für jemanden hält, der Risiken sorgfältig durchdenkt, also innerlich viel Tiefe mitbringt, gilt im Team womöglich als pessimistisch und bremsend, ohne je zu verstehen, warum die eigenen Beiträge zur Risikodiskussion abgetan statt geschätzt werden.

Das Messproblem

Gängige Persönlichkeitsverfahren sind für Antwortverzerrungen anfällig, und die wirken auf Selbst- und Fremdbericht unterschiedlich:

Soziale Erwünschtheit: Menschen schieben ihre Selbstauskunft in Richtung des sozial Geschätzten. Selbst berichtete Werte in der Bindung fallen deshalb häufig zu hoch aus, denn Kooperationsbereitschaft gilt als erstrebenswert. Fremdurteile bilden beobachtetes Verhalten ab und sind weniger stark aufgebläht.

Zustimmungstendenz: Wer zur Zustimmung neigt, kreuzt bei jedem Item „trifft eher zu“ an, unabhängig vom Inhalt. Das trifft Selbstauskünfte stärker als Fremdurteile, weil Beurteilende die Person mit anderen aus ihrem Vergleichsrahmen abgleichen können.

Milde im Fremdurteil: Wer andere beurteilt, urteilt tendenziell wohlwollend, besonders bei negativ besetzten Eigenschaften wie der Tiefe.

Selbst- und Fremdbericht messen also nicht einfach dasselbe aus zwei Blickwinkeln. Sie tragen tatsächlich unterschiedliche Informationen, gefiltert durch unterschiedliche Antwortneigungen. Beide erfassen etwas Reales, und der Abstand zwischen ihnen ist selbst eine Information.

Was Daten über blinde Flecken tatsächlich verraten

Der Vergleich von Selbst- und Fremdeinschätzung dient nicht dazu zu klären, wer recht hat. Er soll Abweichungen sichtbar machen, denn in denen steckt der Ansatzpunkt für eine bessere Abstimmung.

Schätzt sich jemand in der Vision hoch ein, die Peers ihn aber niedrig, dann kommt die selbst empfundene Kreativität offenbar nicht im sichtbaren Verhalten an. Die Frage lautet dann nicht „Ist diese Person kreativ?“, sondern „Was hindert ihren kreativen Beitrag daran anzukommen?“ Das ist ein Thema für ein Coachinggespräch, für den Prozess oder für den Kontext.

Umgekehrt gilt: Wer sich in der Präsenz niedrig einschätzt, von den Peers aber hoch bewertet wird, wirkt sozial stärker, als ihm bewusst ist. Solche Menschen unterschätzen oft, wie sehr ihr Kommunikationsstil die Dynamik im Team prägt, im Guten wie im Schlechten.

Warum Selbsteinschätzung allein nicht reicht führt dieses Argument aus, und wie persönlichkeitsinformiertes Feedback gelingt liefert den Rahmen, um aus solchen Daten brauchbare Gespräche zu machen.

Was das Cèrcol des Zeugen anders macht

Fremdeinschätzungen auf gewöhnlichen Likert-Skalen („Bewerten Sie die Gewissenhaftigkeit dieser Person von 1 bis 5“) reproduzieren viele der Verzerrungen, die auch die Selbstauskunft plagen. Das Instrument Cèrcol des Zeugen arbeitet stattdessen mit Forced-Choice-Paaren aus Eigenschaftswörtern: zwei gleich erwünschte Adjektive, von denen nur eines die gemessene Dimension abbildet. So fällt der Effekt der sozialen Erwünschtheit deutlich kleiner aus.

Dieses Design macht Zeugenurteile besser mit Selbsteinschätzungen vergleichbar, weil auf beiden Seiten die Erwünschtheitsverzerrung gedämpft ist. Der Abstand zwischen ihnen wird dadurch aussagekräftiger: Zeigt sich in den Zeugendaten eine Abweichung, steckt eher ein echter Wahrnehmungsunterschied dahinter als ein Messartefakt.

Die Selbsteinschätzung von Cèrcol beruht auf dem IPIP, dessen Items in Tausenden Studien validiert wurden und dieselben Konstrukte erfassen. Damit vergleicht der Selbst-Fremd-Abgleich Gleiches mit Gleichem und ist wissenschaftlich belastbar.

Blinde Flecken in der Teamentwicklung nutzen

Daten über blinde Flecken sollen ein Gespräch auslösen, kein Urteil. Auf die Rahmung kommt es dabei entscheidend an. „Hier zeigt sich eine Lücke, deckt sich das mit dem, was Sie beabsichtigen?“ bringt weiter. „Diese Daten zeigen, dass Sie sich falsch einschätzen“ bringt nichts.

Am meisten bringen drei Anwendungen:

  • Individuelle Reflexion: Teammitgliedern helfen zu verstehen, wie ihre Selbstwahrnehmung zu dem passt, was die anderen erleben.
  • Muster im Team erkennen: prüfen, ob bestimmte Rollen oder Funktionen systematisch über- oder unterschätzt werden.
  • Prozesse gestalten: Unterschätzt das Team die Tiefe einer Person durchgängig, gehen deren Stresssignale womöglich regelmäßig unter. Fest eingeplante Check-ins gleichen genau diesen blinden Fleck aus.

Cèrcol in der Teamentwicklung: ein Praxisleitfaden beschreibt Schritt für Schritt, wie sich solche Gespräche moderieren lassen, ohne dass jemand in die Verteidigung geht.

Machen Sie die blinden Flecken Ihres Teams sichtbar

Cèrcol ist eigens für den Selbst-Fremd-Vergleich gebaut. Die kostenlose Big-Five-Erhebung erstellt individuelle Profile, die sich den Fremddaten aus dem Cèrcol des Zeugen gegenüberstellen lassen. So sehen Teams geordnet, wo Selbstbild und Fremderleben auseinandergehen.

Anders als Verfahren, die nur Selbstauskünfte liefern, ist das Instrument Cèrcol des Zeugen dafür gemacht, blinde Flecken sichtbar zu machen. Nicht um Menschen zu bewerten, sondern damit Teams die Informationen haben, die sie für eine genauere Abstimmung brauchen.

Starten Sie die Zeugenerhebung Ihres Teams auf cercol.team/instruments und sehen Sie, wo Selbstbild und Fremderleben auseinanderlaufen.

Referenzen

  • Hofstee, W. K. B., de Raad, B., & Goldberg, L. R. (1992). Integration of the Big Five and circumplex approaches to trait structure. Journal of Personality and Social Psychology, 63(1), 146–163. doi:10.1037/0022-3514.63.1.146
  • John, O. P., & Robins, R. W. (1993). Determinants of interjudge agreement on personality traits. Journal of Personality, 61(4), 521–551. doi:10.1111/j.1467-6494.1993.tb00781.x
  • Vazire, S. (2010). Who knows what about a person? Journal of Personality and Social Psychology, 98(2), 281–300. doi:10.1037/a0017908
  • Kenny, D. A., & West, T. V. (2008). Zero acquaintance. In N. Ambady & J. J. Skowronski (Eds.), First Impressions. Guilford Press.

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