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Kann sich Persönlichkeit ändern? Die Big Five-Evidenz

Persönlichkeit verändert sich, aber langsamer als Ratgeber versprechen. Was Coaching- und Therapieforschung über Veränderung der Big Five belegt.

Miquel Matoses·9 Min. Lesezeit

Die Ratgeberbranche erzählt eine einfache Geschichte über Persönlichkeit: Man kann sich neu erfinden. Hart genug arbeiten, sich auf die richtigen Gewohnheiten festlegen, das richtige Programm buchen, und aus der zurückhaltenden Person wird eine charismatische, aus der unorganisierten eine disziplinierte, aus der ängstlichen eine gelassene. Die Gegenposition, meist von Skeptikern vertreten, hält Persönlichkeit ab dem frühen Erwachsenenalter für weitgehend festgeschrieben und alles andere für eine tröstliche Illusion, die man Menschen verkauft, die bereit sind, dafür zu zahlen.

Beide Lager lesen die Befunde falsch. Die Wahrheit ist in beide Richtungen deutlich unspektakulärer: Persönlichkeitsmerkmale können sich verändern, sie tun es auch, und zwar auf vorhersagbare Weise. Nur fällt das Ausmaß gezielter Veränderung bescheiden aus, der Prozess bemisst sich in Jahren statt in Wochen, und manche Aspekte der Persönlichkeit sind formbarer als andere.

Dieser Artikel prüft, was die Forschung tatsächlich hergibt.


d = 0,54
Persönlichkeitsveränderung durch gezielte psychologische Interventionen
4+ Jahre
Mindestdauer, bis Veränderung durch Lebensereignisse messbar wird
Neurotizismus
durch Therapie am stärksten veränderbar (KVT, Achtsamkeit)

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Wie stabil sind die Big Five? Die Befunde zur Rangordnung

Am Anfang steht die Frage, wie stabil Big Five-Merkmale über die Zeit bleiben. Am häufigsten zitiert wird die Metaanalyse von Roberts und DelVecchio (2000), die 152 Längsschnittstudien von der Kindheit bis ins hohe Alter zusammenfasst. Ihr Kernbefund: Die Rangordnungsstabilität, also ob Ihre relative Position gegenüber Gleichaltrigen auf einem Merkmal erhalten bleibt, liegt über die gesamte Lebensspanne im Mittel bei etwa ,54 und steigt im Erwachsenenalter über Zehnjahreszeiträume auf rund ,70. (doi: 10.1037/0033-2909.126.1.3)

Eine Korrelation von ,70 ist erheblich. Wer heute im Vergleich zu Gleichaltrigen hoch auf Conscientiousness (Disziplin) liegt, wird sehr wahrscheinlich auch in zehn Jahren über dem Durchschnitt liegen. Das ist keine perfekte Stabilität, denn ,70 lässt spürbaren individuellen Wandel zu, aber von der Plastizität, die Ratgeber suggerieren, ist es weit entfernt.

Die Stabilität wächst mit dem Alter und erreicht zwischen 50 und 70 Jahren ihren Höhepunkt. Das größte Fenster für Veränderung liegt im frühen Erwachsenenalter, ungefähr zwischen 18 und 30. Das passt zu den großen Rollenwechseln dieser Jahre: Berufseinstieg, feste Beziehungen, Verantwortung übernehmen. Sie scheinen echte Persönlichkeitsveränderung anzustoßen. Wie sich Merkmale über ein ganzes Leben verschieben, zeigt Verändern sich Persönlichkeitsmerkmale im Laufe eines Lebens? im Detail.


Wie sich die Big Five-Mittelwerte mit dem Alter verschieben

Stabile Rangordnung heißt nicht Stillstand. Auf Populationsebene zeigen sich systematische Mittelwertverschiebungen, also Bewegungen in den durchschnittlichen Merkmalswerten über die Lebensspanne, und sie fallen über Kulturen hinweg so ähnlich aus, dass man von normativen Entwicklungstrends sprechen kann.

Am robustesten ist das Reifungsprinzip: Mit den Jahren werden Menschen gewissenhafter, verträglicher und weniger neurotisch. Das sind keine Nuancen. Über Zeiträume von 20 bis 30 Jahren erreichen die Effekte eine Größenordnung, die dem Unterschied zwischen mittleren und hohen Werten auf diesen Dimensionen entspricht.

Big Five-MerkmalCèrcol-DimensionTypische Rangordnungsstabilität (10 Jahre)Was sich mit ausdauernder Arbeit bewegen lässt
ConscientiousnessDisziplin~,70Steigt durch Rollenanforderungen, feste Gewohnheiten und klar strukturierte Umgebungen
AgreeablenessBindung~,65Steigt, wenn man in Beziehungen investiert und Perspektivwechsel übt
OpennessVision~,70Sinkt mit dem Alter moderat, bewusster Umgang mit Neuem bremst das
ExtraversionPräsenz~,73Sinkt mit dem Alter moderat, soziale Sicherheit wächst durch Übung
NeuroticismTiefe~,68Spricht am stärksten auf Intervention an: Therapie, Achtsamkeit, Verhaltensaktivierung

Praktisch bedeutet das: Alter und Lebenserfahrung verändern Persönlichkeit verlässlicher als die meisten gezielten Interventionen. Interventionen können den Wandel beschleunigen oder lenken, der ohnehin schon in Bewegung ist. Das erklärt nebenbei, warum Generationenklischees über Persönlichkeit nicht tragen: Was wie ein Generationenmerkmal aussieht, ist oft nur der Punkt, an dem jemand auf seiner Entwicklungskurve gerade steht.


Kann Therapie die Big Five messbar verändern?

Die belastbarsten Belege für gezielte Persönlichkeitsveränderung liefert die Therapieforschung. Am gründlichsten untersucht ist die Frage für Neurotizismus (im Modell von Cèrcol: Tiefe), weil Angststörungen und Depression, die häufigsten Behandlungsanlässe, unmittelbar mit hoher Merkmalsausprägung auf dieser Dimension zusammenhängen.

Die Ergebnisse fallen bescheiden aus, sind aber konsistent. Eine Metaanalyse von Roberts et al. aus dem Jahr 2017 im Psychological Bulletin fand, dass psychologische Interventionen kleine bis mittlere Veränderungen in Persönlichkeitsmerkmalen bewirken, am deutlichsten bei Neurotizismus, in manchen Behandlungskontexten auch spürbar bei Conscientiousness. Die Effektstärken liegen meist zwischen d = 0,30 und 0,60, nach den Maßstäben der Sozialwissenschaften also bedeutsam, aber weit davon entfernt, eine Persönlichkeit neu zu bauen.

Wichtig ist, dass diese Veränderungen offenbar auf Merkmalsebene stattfinden und nicht nur auf Symptomebene. Die Betroffenen fühlen sich nicht bloß weniger ängstlich, sie bewegen sich auch auf Selbstberichts- und Fremdurteilsskalen des zugrunde liegenden Merkmals. Die Veränderung ist real. Sie ist zugleich unvollständig, braucht Monate beharrlicher Arbeit und verteilt sich ungleich: Wer am äußeren Rand einer Dimension liegt, bewegt sich absolut stärker als jemand nahe dem Mittelwert.

Die konsistentesten Effekte auf Merkmalsebene zeigen kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und achtsamkeitsbasierte Verfahren. Psychodynamische Therapie erreicht Ähnliches über längere Zeiträume. Dass kurze, niedrigschwellige Interventionen dauerhafte Merkmalsveränderungen bewirken, ist kaum belegt.

„Therapie schreibt Ihre Persönlichkeit nicht neu. Sie ordnet Ihr Verhältnis zu jenen Anteilen Ihrer Persönlichkeit neu, die Ihnen am meisten zu schaffen gemacht haben, und genau diese neue Ordnung schlägt sich, über Jahre gehalten, als gemessene Merkmalsveränderung nieder."


Was Coaching an der Persönlichkeit bewegt und was nicht

In der Coachingforschung sieht das Bild anders aus. Belege dafür, dass Coaching die Big Five-Merkmale verschiebt, gibt es kaum, und zwar aus einem einfachen Grund: Coaching zielt in aller Regel nicht auf Merkmale, sondern auf Verhalten.

Dieser Unterschied trägt weit. Eine Führungskraft, die hoch auf Präsenz (Extraversion) und niedrig auf Bindung (Verträglichkeit) liegt, kann sich im Coaching Zuhörgewohnheiten aneignen, die sie in kooperativen Situationen erheblich wirksamer machen. Ihr Big Five-Profil wird sich dadurch kaum nennenswert bewegen. Was sich verändert, ist ihr Verhaltensrepertoire, also die Fertigkeiten und Routinen, die sie über ihre Persönlichkeit legt und mit denen sie ihre Grundtendenzen teils ausgleicht, teils gezielt nutzt.

Das ist kein Trostpreis. Verhaltensänderung ist genau das, was die meisten Entwicklungsziele in Wahrheit verlangen. Ein Coach muss den Verträglichkeitswert eines Klienten nicht verändern, um ihm zu wirksameren Teambesprechungen zu verhelfen. Er muss ihm helfen, Routinen aufzubauen, etwa Vorbereitung vor der Sitzung, strukturiertes Fragen, klar gesetzte Redereihenfolgen, die dieselben Ergebnisse erzeugen wie eine von Haus aus hohe Verträglichkeit.

Ehrlicher beschreibt man Coaching also als Arbeit am Merkmalsausdruck, nicht am Merkmal selbst. Wie das praktisch aussieht, zeigt Persönlichkeits-Coaching: die Big Five als Entwicklungswerkzeug nutzen.


Wie realistische Veränderung für Entwicklungsziele aussieht

Aus den Befunden lässt sich eine brauchbare Karte zeichnen, was Entwicklung erreichen kann und was nicht.

Bei klinischen Interventionen lohnt sich der Fokus auf Neurotizismus (Tiefe). Dort bewegt Therapie zuverlässig etwas, und dort ist der menschliche Preis des Nichtstuns am höchsten. Bei Conscientiousness (Disziplin) bringen strukturierte Umgebungen, Gewohnheitssysteme und ein gut zugeschnittener Aufgabenzuschnitt meist mehr als direktes Coaching, was jeden angeht, der sich fragt, wie Disziplin die Arbeitsleistung vorhersagt. Bei Extraversion (Präsenz) und Verträglichkeit (Bindung) ist der Aufbau von Verhaltenskompetenz erreichbarer als eine Merkmalsverschiebung. Bei Offenheit (Vision) kann der bewusste Kontakt mit Neuem, mit fremden Fachgebieten, Umgebungen und Sichtweisen, halten oder leicht anheben, was sonst absinken würde.

Was sich realistisch nicht anpeilen lässt: die vollständige Verwandlung einer Persönlichkeit. Die Befundlage ist eindeutig. Merkmale sind erheblich erblich, typischerweise zu 40 bis 60 %, sie stabilisieren sich im Erwachsenenalter deutlich und widerstehen schnellem Wandel selbst unter intensiver Intervention. Hinzu kommt, dass sich Testergebnisse selbst manipulieren lassen, ein Thema, dem Kann man einen Persönlichkeitstest fälschen? nachgeht. Genau deshalb zählen validierte Instrumente mit eingebauten Konsistenzprüfungen.

Was sich anpeilen lässt: spürbare Verschiebungen auf einzelnen Facetten, verlässlich mehr Verhaltensspielraum und, besonders in längeren Lebensübergängen und in klinischer Behandlung, echte Bewegung auf Neurotizismus (Tiefe) und Conscientiousness (Disziplin).


Wie Cèrcol Persönlichkeitsforschung für Teamentwicklung nutzt

Die Entwicklungsarbeit bei Cèrcol setzt genau an der Unterscheidung zwischen Merkmalsebene und Verhaltensausdruck an. Ein Profil ist keine Vorschrift. Ein hoher Wert auf Tiefe (Neurotizismus) legt nicht fest, wie jemand auf ein schwieriges Kundengespräch reagiert. Er sagt die emotionale Wucht der ersten Reaktion vorher, und was daraus wird, formen Fertigkeiten, Gewohnheiten und Kontext.

Das deckt sich unmittelbar mit der Forschung: Was Entwicklung verändert, ist in erster Linie nicht das Merkmal, sondern die Kompetenzschicht darüber. Cèrcol-Berichte legen das Merkmalsmuster offen, damit Entwicklungsgespräche auf der richtigen Ebene ansetzen. Es geht nicht darum, das Stabile umzubauen, sondern darum, dort Routinen aufzubauen, wo das Muster absehbar Reibung erzeugt.

Das Zeugenmodell fügt noch eine Ebene hinzu. Weil Peers Verhalten beobachten und nicht selbstberichtetes Erleben, erfassen ihre Urteile eher den Ausdruck der Persönlichkeit als deren rohe Intensität. Wenn ein Entwicklungsprogramm Verhalten verändert, zeigt sich das häufig zuerst in den Zeugenwerten, noch bevor es auf selbstberichteten Merkmalsskalen sichtbar wird.

Persönlichkeit kann sich verändern. Sie tut es langsam, unvollständig und am verlässlichsten dann, wenn die angestrebte Richtung mit der Richtung übereinstimmt, in die sie sich über die Lebensspanne ohnehin bewegt. Wer diese Karte kennt, plant Entwicklung realistisch statt bloß ambitioniert.


Veränderung mit wissenschaftlich fundierten Werkzeugen nachverfolgen

Wenn sich Persönlichkeit verändern kann, langsam, auf bestimmten Dimensionen und unter passenden Bedingungen, dann lautet die richtige Antwort: messen statt vermuten. Wer sein aktuelles Big Five-Profil kennt, hat eine Ausgangslinie, vor der echte Entwicklung überhaupt lesbar wird. Das kostenlose Verfahren von Cèrcol beruht auf dem validierten IPIP-Instrument, sodass spätere Wiederholungen vergleichbar bleiben. Die vollständige wissenschaftliche Begründung jeder Dimension steht auf der Wissenschaftsseite unter cercol.team/science. Ob Sie in einem Coaching stecken, eine Therapie machen oder einfach einen großen Lebensübergang bewältigen: Eine verlässliche Messung des Ist-Zustands macht aus vagen Entwicklungszielen etwas Nachvollziehbares. Absolvieren Sie den kostenlosen Test auf cercol.team.


Weiterführende Lektüre: Verändern sich Persönlichkeitsmerkmale im Laufe eines Lebens? · Wie man Persönlichkeitsdaten nutzt, ohne Menschen zu etikettieren · Roberts & DelVecchio (2000) doi:10.1037/0033-2909.126.1.3 · APA: Persönlichkeit

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