Was Prokrastination wirklich ist, und warum sie keine Faulheit ist
Steel (2007) formulierte eine der meistzitierten Definitionen: Prokrastination ist das freiwillige Aufschieben einer beabsichtigten Handlung, obwohl man damit rechnet, durch die Verzögerung schlechter dazustehen. Zwei Merkmale sind daran wichtig. Erstens geschieht das Aufschieben freiwillig, es geht also nicht um Handlungsunfähigkeit. Zweitens hat die Person die Absicht bereits gefasst, es fehlt also nicht der Wille zur Erledigung. Das Rätsel liegt in der Lücke zwischen Absicht und Handlung.
Steels Metaanalyse wertete 691 Korrelationskoeffizienten aus 216 Studien aus, um die stärksten Prädiktoren zu bestimmen. Der vollständige Artikel steht unter https://doi.org/10.1037/0033-2909.133.1.65. Einen brauchbaren Überblick über die weitere Literatur gibt Wikipedia: Prokrastination.
Steels theoretischer Rahmen, die Temporale Motivationstheorie, verbindet vier Faktoren: die Erwartung (die Zuversicht, die Aufgabe erfolgreich abschließen zu können), den Wert (wie lohnend die Aufgabe ist), die Impulsivität (die Empfindlichkeit gegenüber Verzögerung) und die Verzögerung selbst (wie weit Belohnung oder Folge in der Zukunft liegen). Persönlichkeitsmerkmale wirken vor allem über die Erwartung und über die Impulsivität.
„Der Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und Prokrastination gehört zu den größten Zusammenhängen von Persönlichkeit und Verhalten in der Literatur, größer als die Zusammenhänge zwischen Big Five-Merkmalen und den meisten beruflichen Ergebnissen. Niedrige Gewissenhaftigkeit sagt Prokrastination nicht nur voraus, sie ist beinahe ihr Kennzeichen.“ (Steel, Psychological Bulletin, 2007)
Gewissenhaftigkeit: der stärkste Big Five-Prädiktor für Prokrastination
Der stabilste Befund in Steels Metaanalyse betrifft den Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit, im Cèrcol-Modell Disziplin, und Prokrastination. Die korrigierte Korrelation lag bei etwa -0,62 und gehört damit zu den größten Zusammenhängen von Persönlichkeit und Verhalten in der gesamten Big Five-Literatur. Niedrige Disziplin geht mit Prokrastination nicht nur einher, sie ist die Persönlichkeitssignatur des chronischen Aufschiebens.
Der Mechanismus läuft über mehrere Wege. Wer wenig gewissenhaft ist, kann sich schlechter selbst steuern: Ablenkungen greifen leichter, unmittelbare Impulse lassen sich schwerer zugunsten ferner Ziele bremsen, und konkrete Pläne entstehen seltener und halten kürzer. Ziele bleiben vage, und was vage ist, fängt man schwer an. Außerdem stört Unerledigtes diese Menschen weniger, das Unbehagen einer offenen Aufgabe treibt sie also nicht so an wie jemanden mit hoher Disziplin.
Dazu kommt ein Aufmerksamkeitsweg: Wer hohe Gewissenhaftigkeit hat, bleibt beständiger bei aufgabenrelevanten Informationen, während bei niedriger Gewissenhaftigkeit die Aufmerksamkeit leichter an unmittelbar Lohnenderes wandert. Was das Aufschieben kostet, nämlich die verlorene produktive Arbeit, steht diesen Menschen bei der Entscheidung weniger deutlich vor Augen. Was Disziplin im Ganzen ausmacht, steht hier: Was Gewissenhaftigkeit für die Arbeitsleistung bedeutet.
Neurotizismus und Prokrastination: der Weg über Angst und Vermeidung
Neurotizismus, im Cèrcol-Modell Tiefe, sagt Prokrastination über einen anderen Mechanismus voraus. Wer hohe Tiefe hat, schiebt vor allem aus Vermeidung auf: Aufgaben, die bedrohlich wirken, Angst auslösen oder nach absehbarem Scheitern riechen, sind unangenehm, und Vermeidung senkt die Anspannung sofort. Damit wird das Aufschieben emotional belohnend, wenigstens für den Moment.
Steel (2007) fand den Zusammenhang zwischen Neurotizismus und Prokrastination kleiner als den mit Gewissenhaftigkeit, aber beständig und bedeutsam. Neurotizismus sagte Prokrastination besonders bei bedrohlich besetzten Aufgaben voraus: dort, wo ein negatives Urteil droht, wo Leistungsmaßstäbe im Spiel sind, wo die Sache emotional aufgeladen ist. Bei Aufgaben ohne Gewicht verschwand der Zusammenhang weitgehend.
Dieser Vermeidungsweg hat etwas Paradoxes. Menschen mit hoher Tiefe berichten oft von starker Anspannung wegen genau der Aufgaben, die sie meiden: Je länger sie ausweichen, desto größer wird der Druck. Die Vermeidung entlastet kurz, erhöht aber die Gesamtbelastung, und dadurch wirkt die Aufgabe noch unangenehmer und noch schwerer anzufangen. Dieser Kreislauf verstärkt sich selbst, und mit Willensappellen ist ihm nicht beizukommen. Wie Tiefe mit Stress und Leistung zusammenwirkt, steht hier: Was Neurotizismus bei der Arbeit bedeutet und Persönlichkeit und Burnout: wer ist am stärksten gefährdet.
Wie Perfektionismus Gewissenhaftigkeit und Prokrastination verbindet
Einer der klinisch wichtigsten Befunde betrifft das Verhältnis von Perfektionismus und Prokrastination. Man nimmt gemeinhin an, dass gewissenhafte Perfektionisten seltener aufschieben, und bei vielen Aufgaben stimmt das auch. Perfektionismus bringt aber eine eigene Form des Aufschiebens hervor, für die gerade Menschen mit hoher Disziplin anfällig sind.
Hängt an einer Aufgabe ein Maßstab, den jemand womöglich nicht erfüllt, entsteht eine Bedrohung, die Menschen mit niedriger Gewissenhaftigkeit ziemlich kaltlässt: der Beweis, sobald man anfängt, dass die eigene Arbeit dem eigenen Anspruch nicht genügt. Nicht anzufangen hält die Möglichkeit der Perfektion offen. Anzufangen setzt einen dem Risiko aus, sichtbar und konkret hinter dem Maßstab zurückzubleiben.
Frost und Kollegen fanden in ihrer Forschung zum mehrdimensionalen Perfektionismus, dass vor allem der maladaptive Perfektionismus mit stärkerer Prokrastination einhergeht, also jener, der sich durch Sorge um Fehler und Zweifel am eigenen Handeln auszeichnet und nicht durch hohe persönliche Ansprüche als solche. Besonders deutlich zeigte sich der Effekt, wenn viel von der Bewertung abhing.
Gewissenhafte Perfektionisten können deshalb zugleich die motiviertesten und die ausweichendsten Menschen in einem Team sein, je nachdem, was für eine Aufgabe ansteht. Ausführlicher dazu: Gewissenhaftigkeit, Perfektionismus und wenn Disziplin zum Problem wird.
Wie Aufgabenaversion und Big Five zusammenwirken
Piers Steels Temporale Motivationstheorie hebt die Aufgabenaversion hervor, also wie unangenehm eine Aufgabe erlebt wird, als einen der unmittelbarsten Prädiktoren für Prokrastination. Persönlichkeit steuert diese Aversion mit: Dieselbe Aufgabe kann für das eine Profil höchst unangenehm und für das andere weitgehend neutral sein.
Wer hohe Vision (Offenheit) hat, empfindet Routine und Wiederholung als stark abstoßend und langweilt sich dabei in einem Ausmaß, das Menschen mit niedriger Vision so nicht kennen. Wer hohe Tiefe (Neurotizismus) hat, meidet Aufgaben mit Bewertungscharakter: Leistungsgespräche, Kundenpräsentationen, schwierige Unterhaltungen. Wer hohe Bindung (Verträglichkeit) hat, meidet alles, was Konfrontation oder Enttäuschung bedeutet: Kritik äußern, Anfragen ablehnen, schlechte Nachrichten überbringen.
Dieses Zusammenspiel von Aufgabentyp und Profil gehört zu den praktisch nützlichsten Erkenntnissen der Prokrastinationsforschung. Statt Aufschieben als allgemeine Charakterschwäche zu behandeln, die es zu überwinden gilt, lässt sich viel gezielter eingreifen, sobald man die konkrete Aufgabenkategorie kennt, die jemand meidet, und die konkrete emotionale Bedrohung, die von ihr ausgeht. Wie Persönlichkeit Entscheidungen unter ähnlichem Druck prägt, steht hier: Persönlichkeit und Entscheidungsfindung: wie die Big Five das Urteil formen.
Wie Extraversion das Aufschieben prägt und manchmal verstärkt
Extraversion, im Cèrcol-Modell Präsenz, hängt schwächer und uneinheitlicher mit Prokrastination zusammen als Gewissenhaftigkeit oder Neurotizismus. Der wichtigste Weg führt über die Impulsivität: Extravertierte zieht es zu sofort belohnenden, sozial anregenden Tätigkeiten, und die konkurrieren mit der Arbeit an der Aufgabe. Steel fand einen mäßigen positiven Zusammenhang zwischen Extraversion und Prokrastination, deutlich kleiner als bei Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus und weitgehend über Impulsivität vermittelt.
Bei hoher Präsenz kommt es auf die Umgebung an: Ein Büro voller sozialer Reize erzeugt mehr konkurrierende Anziehungspunkte als ein ruhiger Arbeitsplatz. Je reicher das soziale Umfeld, desto teurer wird es, an einer schwierigen Aufgabe sitzen zu bleiben.
Big Five und Prokrastination im Überblick
| Big Five-Merkmal (Cèrcol-Name) | Zusammenhang mit Prokrastination | Wirksame Gegenmaßnahme |
|---|---|---|
| Gewissenhaftigkeit (Disziplin) | Starker negativer Prädiktor (niedrige Werte, hohe Prokrastination); Selbststeuerung versagt | Vorsatzbildung nach dem Wenn-dann-Muster; strukturierte Planung; Selbstbindung |
| Neurotizismus (Tiefe) | Ausweichen vor unangenehmen, bewertenden, bedrohlichen Aufgaben | Schrittweise Annäherung; Bedrohung aus der Aufgabe nehmen; Wenn-dann-Planung |
| Extraversion (Präsenz) | Mäßiger positiver Weg über Impulsivität; konkurrierende soziale Reize | Umgebung gestalten; konkurrierende Reize verringern |
| Verträglichkeit (Bindung) | Ausweichen vor Aufgaben, die Konflikt verlangen | Konkrete Gesprächsleitfäden; Konfrontation in kleinen Schritten üben |
| Offenheit (Vision) | Ausweichen vor Routine und Wiederholung | Spielerische Elemente; Zeitfenster für langweilige Aufgaben; Belohnung koppeln |
Gegen das Aufschieben: Strategien passend zum Profil
Allgemeine Ratschläge gegen Prokrastination, etwa „fang einfach an“ oder „zerleg es in kleinere Schritte“, sind nicht falsch, treffen aber zu unscharf. Die Forschung stützt Maßnahmen, die zum Profil passen.
Bei niedriger Disziplin: Vorsatzbildung, also konkrete Wenn-dann-Pläne, die einen äußeren Auslöser mit einer Handlung verknüpfen („Wenn ich mich um 9 Uhr an den Schreibtisch setze, öffne ich den Bericht und schreibe den ersten Absatz“), ist in der sozialkognitiven Forschung gut belegt (Gollwitzer & Sheeran, 2006). Solche Pläne überspringen den Überlegungsschritt, an dem wenig gewissenhafte Menschen typischerweise hängenbleiben.
Bei hoher Tiefe und vermeidungsgetriebenem Aufschieben: Die emotionale Bedrohung aus der Aufgabe herauszunehmen wirkt besser, als den Druck zu erhöhen. Das kann heißen, die Aufgabe anders zu fassen (ein erster Entwurf darf schlecht sein), das Gewicht der Bewertung zu senken (frühe Entwürfe mit einer vertrauten Person teilen statt mit dem ganzen Team) oder mit akzeptanzbasierten Verfahren das ängstliche Verhältnis zur Aufgabe selbst zu lockern.
Bei perfektionistischem Aufschieben trotz hoher Disziplin: Ausdrückliche Gut-genug-Maßstäbe, vorher festgelegt („Der Bericht muss Kriterium X erfüllen, nicht perfekt sein“), entschärfen genau die Bedrohung, die beim Anfangen entsteht, wenn die eigene Unvollkommenheit sichtbar wird. Das ist eine strukturelle Maßnahme, keine motivationale.
Ihr Prokrastinationsprofil mit Cèrcol
Die wichtigste Erkenntnis der Prokrastinationsforschung lautet: Dasselbe Verhalten, das Aufschieben einer Aufgabe, hat bei verschiedenen Menschen verschiedene Ursachen und braucht deshalb verschiedene Lösungen. Niedrige Disziplin, hohe Tiefe und perfektionistische hohe Disziplin sind drei verschiedene Wege ins Aufschieben, und jeder verlangt einen grundlegend anderen Eingriff. Zu wissen, mit welchem Profil Sie es zu tun haben, ändert alles.
Cèrcols kostenlose Big Five-Einschätzung liefert Ihnen ein genaues Profil auf Disziplin, Tiefe, Vision, Bindung und Präsenz, also auf den fünf Dimensionen, die die Forschung am direktesten mit Aufschiebemustern verbindet. Statt allgemeiner Produktivitätstipps zeigt Cèrcol Ihnen, wo Ihre eigenen Neigungen liegen, damit Sie die Maßnahmen wählen, die zu Ihrem tatsächlichen Profil passen.
Die Einschätzung durch Zeuge und Zeugin fügt eine zweite Ebene hinzu: wie Kolleginnen und Kollegen Ihre Arbeitsmuster im Alltag wahrnehmen. Wenn Perfektionismus oder Angst die Selbsteinschätzung verzerren, zeigt der Blick von außen oft genauer, wie sich das Aufschieben wirklich äußert.
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Weiterführende Lektüre
- Was ist Gewissenhaftigkeit? Der konsistenteste Prädiktor für Arbeitsleistung
- Gewissenhaftigkeit, Perfektionismus und wenn Disziplin zum Problem wird
- Was ist Neurotizismus? Emotionale Tiefe bei der Arbeit verstehen
- Persönlichkeit und Burnout: wer ist am stärksten gefährdet?
- Persönlichkeit und Entscheidungsfindung: wie die Big Five das Urteil formen
- Persönlichkeit und Risikobereitschaft: wer geht bei der Arbeit Risiken ein?
Quellen: Steel, P. (2007). The nature of procrastination. Psychological Bulletin, 133(1), 65–94. doi:10.1037/0033-2909.133.1.65 · Procrastination, Wikipedia