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Big Five und Social Media: Was Ihre Beiträge verraten

Soziale Medien verraten Big-Five-Eigenschaften, doch die Grenzen zählen so viel wie die Befunde: Was Ihre Beiträge vorhersagen und was sie verfehlen.

Miquel Matoses·6 Min. Lesezeit

2013 veröffentlichten Forscher der Universität Cambridge eine wegweisende Studie, für die sie 58.000 Facebook-Nutzer analysierten. Sie fanden heraus, dass sich aus dem „Liken“ von Inhalten Big-Five-Werte mit bedeutsamer Genauigkeit vorhersagen lassen. Extraversion, Offenheit und Neurotizismus zeigten die stärksten Zusammenhänge, Extraversion erreichte rund .40. Die Studie von Kosinski, Stillwell und Graepel (doi:10.1073/pnas.1218772110) belegte, dass schon passives digitales Verhalten ein echtes Persönlichkeitssignal trägt. Zugleich warf sie eine Reihe von Fragen auf: Was bedeutet das für die Rückschlüsse, die andere ziehen, für die Privatsphäre und für die Ethik von Persönlichkeitsdaten?


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Was Big-Five-Forschung über Persönlichkeitssignale in sozialen Medien zeigt

Extraversion (Präsenz). Wer hoch extravertiert ist, postet häufiger, pflegt größere Netzwerke und geht stärker auf die Inhalte anderer ein. Die Effektstärken liegen meist zwischen r = 0,30 und .45. Damit ist Präsenz die Big-Five-Dimension, die sich in sozialen Medien am zuverlässigsten erkennen lässt. Einen vollständigen Überblick, was zu Präsenz gehört, gibt was Extraversion jenseits des Introvertiert-Extravertiert-Binärsystems bedeutet.

Offenheit für Erfahrungen (Vision). Wer hoch offen ist, beschäftigt sich mit vielfältigen Inhalten, teilt Artikel zu kulturellen oder intellektuellen Themen und schreibt mit größerem Wortschatz. Vorhersagen aus dem Text erreichen Korrelationen von etwa .30 bis .40. Wie sich Vision in kreativem und intellektuellem Verhalten zeigt, vertieft Kreativität und Persönlichkeit: Was Big-Five-Forschung zeigt.

Neurotizismus (Tiefe). Mäßig vorhersagbar. Wer hoch auf Neurotizismus punktet, postet mehr am Abend und in der Nacht, greift zu negativ getöntem Vokabular und postet unregelmäßiger (r = 0,20-.35). Was Tiefe als Dimension ausmacht, erklärt was Neurotizismus bei der Arbeit bedeutet.

Gewissenhaftigkeit (Disziplin). Schwerer zu erkennen. Wer hoch gewissenhaft ist, pflegt vollständige Profile und postet regelmäßig, doch das Signal bleibt schwach (r = 0,15-.25).

Verträglichkeit (Bindung). Die Eigenschaft, die sich am schlechtesten erkennen lässt. Wer hoch verträglich ist, verhält sich online kooperativ, aber die Signale sind fein und lassen sich kaum von anderen Eigenschaften trennen (r = 0,10-.20).


Der Cambridge-Analytica-Fall: Wie Persönlichkeitsforschung zur Manipulation wurde

Der Forscher Aleksandr Kogan baute eine Facebook-Quiz-App, die ohne ausdrückliche Zustimmung Persönlichkeitsdaten von Nutzern und deren Freunden sammelte. Cambridge Analytica erhielt diese Daten und behauptete, damit psychografisches Profiling für das politische Targeting bei den US-Wahlen 2016 und beim Brexit-Referendum zu betreiben.

Der Fall führte zwei Dinge vor Augen: Die Lücke zwischen akademischer Forschung und kommerzieller Manipulation war kleiner als gedacht, und die Einwilligung in die Nutzung von Verhaltensdaten musste von Grund auf neu geregelt werden. Der Cambridge-Analytica-Skandal prägte das öffentliche Bewusstsein dafür, wie sich Persönlichkeitsdaten als Waffe einsetzen lassen und wie sich Korrelationen, die für die einzelne Person bescheiden ausfallen, in der Masse dennoch ausbeuten lassen.

Genau weil die akademischen Korrelationen bescheiden sind, bringt ein Targeting einzelner Personen anhand von Persönlichkeitsprofilen erhebliches Rauschen mit sich. Der Skandal verstärkte berechtigte Bedenken zu Einwilligung und Datennutzung, die die Forschung allein vielleicht nicht ausgelöst hätte. Wie sich Persönlichkeitsbewertungen manipulieren oder missbrauchen lassen, behandeln Kann man einen Persönlichkeitstest fälschen und soziale Erwünschtheitsbias bei Persönlichkeitstests.


Was Beiträge in sozialen Medien nicht zuverlässig über Persönlichkeit verraten

Aus Beiträgen in sozialen Medien lassen sich allgemeine Tendenzen zuverlässig ablesen, aber nicht dies:

Konkrete Absichten und Entscheidungen. Persönlichkeitseigenschaften erklären langfristige Neigungen, keine einzelnen Handlungen. Ein hoher Extraversionswert sagt nicht voraus, ob jemand zu einer bestimmten Veranstaltung geht oder auf eine bestimmte Weise abstimmt. Was die Persönlichkeitswissenschaft über einzelne Menschen nicht schlussfolgern kann, führt Persönlichkeitswissenschaft: Grenzen und was sie nicht vorhersagen kann im Detail aus.

Verhalten, das vom Kontext abhängt. Menschen zeigen ihre Persönlichkeit je nach Umfeld unterschiedlich. Wer beruflich auf LinkedIn aktiv ist, kann sich auf einem privaten Twitter-Konto ganz anders geben, nicht weil sich die Eigenschaften geändert hätten, sondern weil sie sich je nach Kontext anders zeigen.

Genauigkeit im Einzelfall. Korrelationen wie r = 0,35 oder r = 0,40 bedeuten für die einzelne Person eine deutlich schwächere Trefferquote, als diese Zahlen nahelegen. Rückschlüsse aus sozialen Medien bleiben mit großer Unsicherheit behaftet. Die Fragen zu Replikation und Genauigkeit in der Persönlichkeitswissenschaft insgesamt behandelt die Replikationskrise der Persönlichkeitswissenschaft.

Signal sozialer MedienVorhergesagte Big-Five-DimensionTypische Korrelationsschätzung
Häufigkeit der Beiträge, soziale InhalteExtraversion (Präsenz)r ≈ 0,35-.45
Vielfalt der Inhalte, kulturelles InteresseOffenheit (Vision)r ≈ 0,30-.40
Posten in der Nacht, emotionales VokabularNeurotizismus (Tiefe)r ≈ 0,20-.35
Vollständiges Profil, regelmäßiges PostenGewissenhaftigkeit (Disziplin)r ≈ 0,15-.25
Kooperativer Ton, KonfliktvermeidungVerträglichkeit (Bindung)r ≈ 0,10-.20
Was Ihre sozialen Medien verraten (und was nicht): Rückschlüsse, die ein Computer aus Facebook-Likes zieht, erreichen bei Offenheit und Extraversion eine Genauigkeit von r≈0,40, fallen bei Neurotizismus und Verträglichkeit aber auf r≈0,15. Digitale Spuren erfassen, wie sich jemand nach außen zeigt, nicht das innere Erleben. Passiv gesammelte Daten ergänzen validierte Selbstberichte, ersetzen können sie sie nicht.

Warum Cèrcol auf Zeugen setzt statt auf Signale aus sozialen Medien

Die Forschung zeigt, dass Verhaltensdaten Persönlichkeitsinformationen tragen. Sie zeigt nicht, dass solche Rückschlüsse für die Beurteilung einer einzelnen Person präzise, fair oder ethisch vertretbar wären. Cèrcol setzt deshalb auf ausdrückliche Teilnahme: Selbstbericht kombiniert mit der Bewertung durch Zeugen, die die Person im jeweiligen Kontext kennen.

Zwischen „in aggregierten Social-Media-Daten erkennbar“ und „für die Beurteilung einer Person geeignet“ liegt mehr, als gemeinhin eingeräumt wird. Wer aus sozialen Medien auf Persönlichkeit schließt, umgeht das Wissen und die Einwilligung der Person und stützt sich auf ein Verhalten, in dem alle Kontexte zusammenfallen und das die Plattform mitformt. Es muss nicht widerspiegeln, wie jemand dort auftritt, wo es für seine Arbeit zählt. Die Zeugen-Peer-Bewertung geht den umgekehrten Weg: strukturierte Beobachtungen von Menschen, die direkt mit der Person gearbeitet haben, und zwar genau in den Kontexten, in denen Persönlichkeit am meisten zählt.

Wer die Bewertungsansätze und ihre Validität vergleichen will, findet auf Cèrcols Wissenschaftsseite die psychometrischen Grundlagen beider Instrumente.


Lernen Sie Ihr eigenes Profil kennen, zu Ihren Bedingungen, mit Cèrcol

Die Lehre aus der Forschung zu Persönlichkeit in sozialen Medien lautet: Ihr digitales Verhalten spiegelt Ihre Persönlichkeit, ob Sie das beabsichtigen oder nicht. Es macht aber einen erheblichen Unterschied, ob jemand ohne Ihr Wissen aus Ihren Beiträgen auf Ihre Persönlichkeit schließt oder ob Sie sich selbst dafür entscheiden, Ihr Profil über eine validierte Bewertung zu verstehen, die Sie kontrollieren.

Cèrcols kostenlose Big-Five-Bewertung gibt Ihnen ein präzises Profil über alle fünf Dimensionen, also Präsenz, Vision, Tiefe, Disziplin und Bindung, auf Basis von 120 validierten Items und Ihrer bewussten Teilnahme. Sie sehen genau, was die Daten zeigen, und nutzen sie zu Ihren eigenen Bedingungen. Die Zeugen-Peer-Bewertung ergänzt beobachtetes Verhalten aus dem Blick von Kolleginnen und Kollegen, die Sie im Kontext kennen, und ist damit weit aussagekräftiger als jeder passive Rückschluss aus sozialen Medien.

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Quellen

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