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Big Five im Vertrieb: Was Verkaufserfolg wirklich vorhersagt

Nicht Extraversion, sondern Gewissenhaftigkeit sagt Vertriebsleistung am besten voraus: der stärkste Big-Five-Prädiktor, aus Daten von 35.000 Verkäufern.

Miquel Matoses·10 Min. Lesezeit

Das kulturelle Bild von Vertriebsmitarbeitenden steht fest: extrovertiert, gesellig, redegewandt, sozial dominant, und ihre Energie ziehen sie aus dem Kontakt mit Menschen. Vertrieb gilt nach diesem Bild als Spiel für Extrovertierte, als Feld, in dem die Persönlichkeit über den Erfolg entscheidet, Introvertierte nichts verloren haben und die Besten jene sind, die sich von Natur aus in jedem Raum am wohlsten fühlen.

Die Forschung widerspricht dem. Deutlich.

Big-Five-Metaanalysen finden durchaus Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Vertriebsleistung. Sie fallen nur differenzierter aus, als der Extraversions-Mythos nahelegt: Gewissenhaftigkeit sagt mehr voraus als Extraversion, und der konsistenteste Befund zur Extraversion lautet, dass ihr Effekt auf die Vertriebsleistung überraschend klein ist. Wer weiß, was die Evidenz tatsächlich hergibt, entscheidet anders über Personalauswahl und Teamzuschnitt. Und Vertriebsmitarbeitende selbst sehen ihren natürlichen Arbeitsstil in einem anderen Licht.


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Das Stereotyp des extravertierten Verkäufers: Woher es kommt und warum es falsch ist

Das Extraversions-Stereotyp im Vertrieb ist nicht willkürlich, es folgt einer stimmigen Alltagslogik: Vertriebsmitarbeitende verbringen ihren Tag im Austausch mit Menschen, pflegen Kundenbeziehungen, halten Präsentationen und behandeln Einwände. Wer aus sozialer Interaktion Energie zieht, bei Cèrcol heißt das hohe Präsenz, müsste demnach im Vorteil sein.

Daran ist ein Funken Wahrheit. Menschen mit hoher Präsenz treten sprachlich selbstsicherer auf, gehen leichter auf Unbekannte zu und ermüden unter den dauernden sozialen Anforderungen der Kundenarbeit weniger schnell. Beim frühen Beziehungsaufbau und in der Kaltakquise bringt hohe Präsenz echte Vorteile.

Das Problem: Über die Vertriebsleistung entscheidet nicht in erster Linie, wer Kontakt herstellt, sondern wer abschließt. Und dafür braucht es andere Verhaltensweisen: konsequentes Nachfassen, ein sauber geführtes Pipeline-Management, systematische Beziehungspflege und die Geduld, einen Vertriebszyklus bis zum Abschluss zu tragen. Diese Verhaltensweisen hängen an der Gewissenhaftigkeit, nicht an der Extraversion. Wie Was ist Gewissenhaftigkeit: der konsistenteste Prädiktor der Arbeitsleistung zeigt, schlägt dieses Merkmal die Extraversion über alle Rollen hinweg, wenn es darum geht, objektive Leistung vorherzusagen.


Was Metaanalysen zur Vertriebsleistung tatsächlich ergeben

Die maßgebliche Metaanalyse zu Persönlichkeit und Vertriebsleistung stammt von Barrick, Stewart und Piotrowski (2002) sowie aus der früheren Arbeit von Barrick und Mount, dazu kommt eine besonders wichtige Synthese von Vinchur et al. (1998), die sich speziell mit dem Vertrieb befasst (doi:10.1037/0021-9010.83.4.586).

„Gewissenhaftigkeit war über alle Studien hinweg der konsistenteste Big-Five-Prädiktor für die objektive Vertriebsleistung, mit einem korrigierten Validitätskoeffizienten im moderaten Bereich. Extraversion sagte die von Vorgesetzten beurteilte Vertriebsleistung voraus und ging mit höheren Aktivitätsniveaus einher; ihre Vorhersagevalidität für objektive Leistungskennzahlen wie Umsatz oder Quotenerreichung fiel dagegen geringer und weniger konsistent aus.“

  • Vinchur et al. (1998), Journal of Applied Psychology
Merkmal Conscientiousness r = 0,31 Extraversion r = 0,25 Openness r = 0,18 Emotionale Stabilität r = 0,17 Agreeableness r = 0,08
Big-Five-Korrelationen mit der objektiven Vertriebsleistung (metaanalytische Schätzungen). Gewissenhaftigkeit führt, Verträglichkeit fällt am schwächsten aus: Wer zu verträglich ist, kommt nie zum Abschluss.

Barricks spätere Arbeiten mit Kollegen bestätigten dieses Muster und ergänzten eine wichtige Nuance, nämlich wie stark der jeweilige Vertriebskontext den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Leistung verschiebt. Wo hohe Anrufvolumina, wiederholte Akquise und aktivitätsbasierte Kennzahlen den Alltag prägen, gewinnt die Verbindung von Extraversion und hohem Aktivitätsniveau an Gewicht. Im komplexen B2B-Vertrieb mit langen Zyklen, Beziehungen auf Führungsebene und beratendem Verkauf dominiert dagegen die Gewissenhaftigkeit.

Big-Five-MerkmalCèrcol-NameVertriebsstärkeEvidenzlage
ConscientiousnessDisziplinPipeline-Management, Nachfassen, konstante QuotenerfüllungStark (am häufigsten repliziert)
ExtraversionPräsenzAktivitätsniveau, Kaltakquise, sicheres Auftreten in PräsentationenModerat (kontextabhängig)
Openness to ExperienceVisionAdaptiver Verkauf, kreative Lösungen für KundenbedürfnisseModerat
AgreeablenessBindungBeziehungstiefe, Kundenvertrauen, beratendes Gespräch auf AugenhöheGemischt (Stärke und Schwäche zugleich)
Neuroticism (niedrig)Tiefe (niedrig)Widerstandskraft gegenüber Absagen, stabile Leistung unter DruckModerat

Der Ambivert-Vorteil: Warum mittlere Extraversion oft besser abschneidet

Einer der überraschendsten Befunde der Vertriebsforschung stammt von Adam Grant, der den Zusammenhang zwischen Extraversion und Umsatz bei Callcenter-Mitarbeitenden untersuchte. Statt eines linearen Zusammenhangs, mehr Extraversion gleich mehr Umsatz, fand Grant (2013) ein umgekehrtes U: Den höchsten Umsatz sagte mittlere Extraversion voraus, also Ambiversion, während sehr hohe Extraversion sogar mit schwächerer Leistung einherging als mittlere.

Der vorgeschlagene Mechanismus leuchtet ein. Sehr hohe Extraversion bringt Redefreude und soziale Dominanz mit sich, wirksamer Verkauf verlangt aber auch Zuhören, also das tatsächliche Verstehen der Kundenbedürfnisse statt einer Vorführung. Ambivertierte hören genug zu, um zu verstehen, reden genug, um zu überzeugen, und bringen genug soziales Gespür mit, um die Stimmung im Raum zu erfassen. Stark extravertierte Verkäufer reden an der Kundschaft vorbei.

Dieser Befund verlangt eine sorgfältige Lesart. Grants Studie entstand in einem sehr spezifischen Umfeld, dem Callcenter, und die Effektgrößen besagen lediglich, dass mittlere Extraversion eine bessere Leistung vorhersagte als sehr hohe. Sie belegt nicht, dass Introvertierte generell die besseren Vertriebsmitarbeitenden sind. Sie belegt, dass der Zusammenhang zwischen Extraversion und Vertriebsleistung nicht linear verläuft und dass die höchsten Extraversionswerte eigene Nachteile mitbringen können. Wie Extraversion im Arbeitskontext genau wirkt, vertieft Was ist Extraversion: jenseits des Introvert-Extravert-Binärs.


Warum Verträglichkeit die Vertriebsleistung zugleich fördert und bremst

Bindung (Agreeableness) zeichnet in der Vertriebsforschung ein wirklich zwiespältiges Bild. Das Merkmal steht für Wärme, Kooperationsbereitschaft und zwischenmenschliches Gespür, also für alles, was Vertrauen aufbaut und die Beziehungen pflegt, aus denen Kundentreue und Empfehlungen erwachsen. Wie dieses Merkmal im Arbeitsalltag wirkt, behandelt Was ist Verträglichkeit: die kooperative Dimension ausführlich.

Vertrieb verlangt aber auch die Fähigkeit, standzuhalten: einen Preis zu halten, die Sicht eines Kunden auf sein eigenes Problem infrage zu stellen, eine Position unter Druck zu verteidigen und trotz Zögerns der Gegenseite abzuschließen. Das erfordert ein Maß an Durchsetzungsstärke, das Menschen mit hoher Bindung ehrlich unangenehm ist. Vertriebsmitarbeitende mit hoher Bindung geben beim Preis zu schnell nach, akzeptieren Einwände, denen sie besser widersprochen hätten, und schieben den Abschluss auf, um dem zwischenmenschlichen Druck auszuweichen, den er erzeugt.

Die Verhandlungsforschung, die dem Vertrieb nahesteht, zeigt: Die wirksamsten Vertriebsmitarbeitenden dosieren ihr Bindungsverhalten je nach Situation. In der Aufbauphase kooperieren sie, in der Abschlussphase bleiben sie hart. Wer im mittleren Bindungsbereich liegt, schafft diesen Wechsel leichter als jemand an den Extremen. Sehr hohe Bindung erzeugt Abschlussprobleme, sehr niedrige Bindung erzeugt Beziehungsprobleme.


Wie Offenheit für Erfahrungen den adaptiven Verkauf vorhersagt

Vision (Openness to Experience) hat in der Vertriebsforschung weniger Aufmerksamkeit erhalten als Gewissenhaftigkeit oder Extraversion. Die vorhandenen Arbeiten legen aber einen interessanten Mechanismus nahe: Offenheit sagt adaptives Verkaufsverhalten voraus.

Adaptiver Verkauf heißt, den eigenen Ansatz auf die Bedürfnisse, den Kommunikationsstil und den Entscheidungsweg jedes einzelnen Kunden zuzuschneiden. Genau dafür braucht es die kognitive Beweglichkeit, die hohe Offenheit mit sich bringt. Vertriebsmitarbeitende mit hoher Vision lesen Unterschiede zwischen Kunden besser und stellen sich entsprechend um. Sie weichen leichter vom Standardablauf ab, wenn die Situation es verlangt.

Besonders wertvoll ist das im komplexen, beratenden Verkauf, wo kein Kundengespräch dem anderen gleicht. In standardisierten Umgebungen mit hohem Volumen, wo der Wert in der konstanten Ausführung eines bewährten Prozesses liegt, bringt Offenheit weniger, und die Gewissenhaftigkeit dominiert.


Gewissenhaftigkeit: das konsequente Nachfassen, das Abschlüsse bringt

Warum Disziplin (Gewissenhaftigkeit) die Vertriebsforschung dominiert, versteht man, sobald man sich ansieht, woraus Vertrieb im Alltag tatsächlich besteht. Die sichtbaren Momente, also Präsentationen, Demos, Kundengespräche, machen in den meisten Vertriebsrollen nur einen kleinen Teil der Zeit aus. Den Großteil füllt die unsichtbare Arbeit: CRM-Pflege, Pipeline-Reviews, die Taktung der Nachfassaktionen, Angebote schreiben, Verträge verwalten.

Vertriebsmitarbeitende mit hoher Disziplin erledigen diese unsichtbare Arbeit zuverlässig. Sie melden sich zurück, wenn sie es zugesagt haben, führen ihre Pipeline genau, halten das CRM aktuell und ziehen ihren Prozess über gute wie über schlechte Wochen konstant durch. Diese Verlässlichkeit summiert sich: Kunden vertrauen ihnen, Führungskräfte können präzise prognostizieren, und Abschlüsse gehen unterwegs nicht verloren.

Vertriebsmitarbeitende mit niedriger Disziplin neigen dagegen zu sprunghafter Leistung, auch die sehr extrovertierten unter ihnen: herausragende Wochen, wenn die Energie stimmt, schwache Wochen, wenn nicht, und dauerhaft eine Lücke zwischen Aktivität und Ergebnisqualität. Wer hohe Extraversion mit niedriger Gewissenhaftigkeit verbindet, ist der Archetyp des charismatischen Minderleisters: in vielen Vertriebsorganisationen anzutreffen, über ein volles Jahr gerechnet aber selten im obersten Quartil.

Die Persönlichkeit bestimmt auch mit, was Vertriebsmitarbeitende überhaupt bei der Stange hält, also welche inneren Antriebe die Pipeline auch dann in Bewegung halten, wenn die Ergebnisse auf sich warten lassen. Mehr dazu in Persönlichkeit und Motivation: Was jedes Big-Five-Profil antreibt.


Was die Forschung für Einstellungsentscheidungen bedeutet

Aus der Forschung folgt eine klare Konsequenz für die Personalauswahl, die viele Vertriebsorganisationen noch nicht verinnerlicht haben: Wer Vertriebsmitarbeitende vor allem nach Extraversion auswählt, also nach Energie, Redefreude und sozialem Selbstvertrauen, und die Gewissenhaftigkeit dabei hintanstellt, steuert absehbar auf eine Enttäuschung zu.

Kandidatinnen und Kandidaten mit hoher Präsenz meistern Vorstellungsgespräche glänzend. Sie wirken engagiert, selbstsicher und hinterlassen im Auswahlprozess einen guten Eindruck. Wer hohe Disziplin mitbringt, tritt oft ruhiger und methodischer auf und beeindruckt weniger unmittelbar. Aber genau diese Menschen erfüllen im achtzehnten Monat noch ihre Quote.

Die ideale Besetzung bringt beides mit: genug Präsenz für die sozialen Anforderungen der Rolle und genug Disziplin, um ohne Aufsicht konstant zu liefern. Wo ein Kompromiss nötig wird, spricht die Evidenz für die meisten Vertriebsrollen dafür, Disziplin vor Präsenz zu setzen. Welche Persönlichkeitsprofile zu welchen Vertriebstypen passen, ordnet die 12 Cèrcol-Teamrollen erklärt in einen praktischen Rahmen ein.

Auch der Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Arbeitszufriedenheit spielt im Vertrieb hinein: Dieselben Merkmale, die Leistung vorhersagen, bestimmen mit, wie tragfähig und erfüllend sich eine Vertriebslaufbahn über die Jahre anfühlt.


Verstehen Sie Ihr eigenes Profil

In einem Punkt ist die Forschung eindeutig: Wer sein eigenes Merkmalsprofil kennt, also weiß, wo er bei Disziplin, Präsenz, Bindung, Vision und Tiefe steht, verschafft sich einen erheblichen Vorsprung. Sie erkennen Ihre natürlichen Stärken, sehen früh, wo Sie gegensteuern müssen, und wählen das Vertriebsumfeld, das zu Ihrer Arbeitsweise passt.

Cèrcol misst Ihr Big-Five-Profil und ordnet es 12 evidenzbasierten Teamrollen zu, darunter mehrere Vertriebs- und Business-Development-Profile. Sie können nachsehen, welche Rolle zu Ihrem Profil passt, auf cercol.team/roles, oder das vollständige Instrument auf cercol.team absolvieren und im Detail nachlesen, wie Ihre Persönlichkeit Leistung, Motivation und Passung in verschiedenen Rollen vorhersagt. Ob Sie für ein Vertriebsteam einstellen oder über Ihren eigenen Weg nachdenken: Belastbare Persönlichkeitsdaten verschieben das Gespräch vom Stereotyp zur Evidenz.


Weiterführende Lektüre: Was ist Extraversion: jenseits des Introvert-Extravert-Binärs · Was ist Gewissenhaftigkeit: der konsistenteste Prädiktor der Arbeitsleistung

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