Das Problem mit proprietären Persönlichkeitstests
Die vorherrschenden Persönlichkeitsinstrumente in Organisationen, also das NEO PI-R (Costa & McCrae), DISC und das Hogan Personality Inventory, teilen ein strukturelles Problem: Sie sind Black Boxes. Ohne Lizenz lassen sich die Items weder abdrucken noch übersetzen noch in unabhängiger Forschung einsetzen. Allein die Durchführung des NEO PI-R kostet rund 15 bis 25 Euro pro Person. Für ein Team von 50 Personen ist das eine spürbare Ausgabe für Daten, die niemand unabhängig überprüfen kann.
Daraus erwächst ein Problem für die Replikationskrise. Stützt sich eine in Fachzeitschriften veröffentlichte Studie auf proprietäre Instrumente, können andere Forschende die Arbeit nicht nachprüfen. Die Befunde ruhen auf einem Fundament, das nur zahlende Kundschaft besichtigen darf.
Die Psychometrie, also die Wissenschaft von der Messung psychologischer Konstrukte, kennt dieselben Transparenzansprüche, die in jeder anderen Wissenschaft gelten. Der IPIP war die Bewegung, die diese Ansprüche durchsetzen wollte.
Was der IPIP ist
Der International Personality Item Pool (ipip.ori.org) ist eine gemeinfreie Sammlung von Persönlichkeitsitems, aufgebaut von Lewis Goldberg am Oregon Research Institute. Erstmals förmlich beschrieben in Goldberg et al. (2006), umfasst er heute über 3.000 Items, die Persönlichkeitskonstrukte entlang der Big-Five-Dimensionen und ihrer Facetten messen.
Jedes Item im IPIP ist gemeinfrei. Es fällt keine Lizenzgebühr an, und niemand muss um Erlaubnis fragen. Alle, ob Forscherin, Start-up, Klinikerin oder Behörde, dürfen die Items frei verwenden, übersetzen, verändern und erneut veröffentlichen.
Lewis Goldberg (2006): „Das Ziel des IPIP-Projekts ist es, die Forschung zur Persönlichkeitsmessung anzuregen, indem Forschenden eine große Sammlung von Persönlichkeitsitems bereitsteht, die sich ohne Gebühr und ohne Genehmigung verwenden lässt." - doi:10.1016/j.jrp.2005.08.007
Die Wissenschaft hinter den IPIP-Items
IPIP-Items sind keine beliebig zusammengestellten Fragen. Sie werden an etablierten Persönlichkeitskonstrukten entwickelt und faktorenanalytisch validiert. Für jedes Item sind die Korrelationen mit den Big-Five-Dimensionen dokumentiert (Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus, bei Cèrcol Vision, Disziplin, Präsenz, Bindung und Tiefe genannt) und ebenso mit deren 30 Facetten.
Für den angewandten Einsatz zählen vor allem zwei validierte Kurzfassungen:
- IPIP-NEO mit 120 Items, Johnson (2014): eine Fassung mit 120 Items, die eine verlässliche Messung auf Facettenebene erlaubt. doi:10.1016/j.jrp.2014.05.003
- Fassung mit 60 Items, Maples-Keller et al. (2019): eine kompaktere Fassung mit 60 Items, validiert für Forschung und Anwendung. doi:10.1080/00223891.2017.1381968
Beide Fassungen zeigen starke psychometrische Eigenschaften, vergleichbar mit denen proprietärer Instrumente, und das ohne Lizenzkosten und ohne Intransparenz.
IPIP und NEO PI-R: der entscheidende Unterschied
| Merkmal | IPIP | NEO PI-R | DISC |
|---|---|---|---|
| Kosten | Kostenlos | ~15–25 € pro Person | Kommerziell |
| Items öffentlich verfügbar | ✅ Ja | ❌ Nein | ❌ Nein |
| Big-Five-basiert | ✅ Ja | ✅ Ja | Teilweise |
| Begutachtete Validierung | ✅ Umfangreich | ✅ Umfangreich | Begrenzt |
| Frei übersetzbar | ✅ Ja | Eingeschränkt | Eingeschränkt |
| In der Forschung verwendbar | ✅ Ohne Genehmigung | Lizenz erforderlich | Lizenz erforderlich |
| Bei Cèrcol im Einsatz | ✅ | ❌ | ❌ |
Das NEO PI-R ist ein wissenschaftlich strenges Instrument. Die Arbeit von Costa und McCrae ist gut validiert und vielfach zitiert. Doch die Items sind proprietär. Wer nicht zahlt, kann den Inhalt des Gemessenen nicht unabhängig prüfen, und ohne kommerzielle Lizenz lässt sich darauf nicht aufbauen.
Der IPIP löst genau dieses Problem. Er misst dieselben Big-Five-Konstrukte in vergleichbarer psychometrischer Qualität, und zwar vollständig offen.
Warum offene Wissenschaft für die Persönlichkeitsmessung zählt
Offene Wissenschaft ist nicht bloß ein akademisches Prinzip. Für die Persönlichkeitsmessung in Organisationen hat sie unmittelbare praktische Folgen:
- Prüfbarkeit. Sind die Items öffentlich, können Personalteams, Beschäftigte und Forschende nachsehen, was tatsächlich gemessen wird. Versteckte Konstrukte gibt es nicht.
- Reproduzierbarkeit. Ergebnisse IPIP-basierter Forschung lassen sich von unabhängigen Teams nachvollziehen. Befunde können bestritten, erweitert und bestätigt werden.
- Gerechtigkeit. Ein kostenloses Instrument bedeutet, dass Organisationen jeder Größe, vom Start-up mit fünf Köpfen bis zum Konzern, auf dieselben validierten Messwerkzeuge zugreifen.
- Kumulatives Wissen. Weil weltweit Tausende Forschende dieselben öffentlichen Items nutzen, wächst die Befundlage gemeinsam. Metaanalysen wie Barrick & Mount (1991) sind überhaupt nur möglich, weil vergleichbare, dokumentierte Instrumente zum Einsatz kamen.
Die Replikationskrise in der Psychologie hat gezeigt, wie zerbrechlich eine Wissenschaft ist, die auf proprietären, nicht prüfbaren Instrumenten ruht. Der IPIP ist die Infrastruktur für eine Persönlichkeitsforschung, die sich tatsächlich replizieren lässt.
Wie Cèrcol den IPIP nutzt
Cèrcol verwendet ausschließlich IPIP-Items. Jede Frage von New Moon Cèrcol stammt aus dem gemeinfreien IPIP-Itempool, ausgewählt und validiert anhand der Big-Five-Faktorstruktur. Die Items sind dokumentiert, zitierbar und unabhängig überprüfbar.
Die Dimensionsnamen von Cèrcol, also Präsenz (Extraversion), Bindung (Verträglichkeit), Vision (Offenheit), Disziplin (Gewissenhaftigkeit) und Tiefe (Neurotizismus), sind Produktbezeichnungen für die Kommunikation mit den Nutzerinnen und Nutzern. Dahinter stehen die üblichen Big-Five-Faktoren, gemessen mit IPIP-Items.
Die Wissenschaftsseite dokumentiert, welche Items im Einsatz sind, wie ausgewertet wird und was validiert ist und was nicht. Das GitHub-Repository enthält den vollständigen Quellcode. Die Erhebung ist ein Baustein von First Quarter Cèrcol, einem Instrument zur Fremdwahrnehmung, das erfasst, wie andere Sie auf denselben Big-Five-Dimensionen sehen.
Alles liegt offen. Darum geht es.
Referenzen
- Goldberg, L. R., et al. (2006). The International Personality Item Pool and the future of public-domain personality measures. Journal of Research in Personality, 40, 84–96. doi:10.1016/j.jrp.2005.08.007
- Johnson, J. A. (2014). Measuring thirty facets of the Five Factor Model with a 120-item public domain inventory: Development of the IPIP-NEO-120. Journal of Research in Personality, 51, 78–89. doi:10.1016/j.jrp.2014.05.003
- Maples-Keller, J. L., et al. (2019). Using item response theory to develop a 60-item representation of the NEO PI-R using the International Personality Item Pool. Journal of Personality Assessment, 101(1), 4–15. doi:10.1080/00223891.2017.1381968
- Barrick, M. R., & Mount, M. K. (1991). The Big Five personality dimensions and job performance: A meta-analysis. Personnel Psychology, 44(1), 1–26. doi:10.1111/j.1744-6570.1991.tb00688.x